Die Trainingstage vor den Hahnenkammrennen dienten als Testumgebung für ein Szenario, das die Sportproduktion grundlegend verändern könnte. Statt über klassische Übertragungswagen und Glasfaserleitungen gelangten die Bilder aus Kitzbühel über ein eigens errichtetes 5G-Mobilfunknetz in die Cloud. Dort fanden auch Recording, Schnitt und Weiterverarbeitung statt.
Private 5G-Frequenzen als technische Grundlage
Das technologische Fundament des Tests bildete ein nicht-öffentliches 5G-Campus-Netzwerk. Big Blue Marble setzte dieses Netz auf Basis privater Mobilfunkfrequenzen auf, die Funktechnik stammte vom finnischen Hersteller Nokia. Ein Campus-Netzwerk dieser Art arbeitet unabhängig von öffentlichen Mobilfunknetzen und steht ausschließlich den definierten Nutzern zur Verfügung – in diesem Fall dem Produktionsteam vor Ort.
Die Bilderfassung erfolgte über eine Kombination verschiedener Geräte. Zum Einsatz kamen eine spezielle Nokia-360-Grad-Kamera, Übertragungstechnik von LiveU sowie handelsübliche Smartphones. Diese Mischung sollte zeigen, wie unterschiedliche Kamerasysteme in einem 5G-gestützten Produktionsworkflow zusammenwirken.
Latenz, Stabilität und Skalierbarkeit im Fokus
Die Ingenieure beider Partner untersuchten während der Trainingstage mehrere technische Parameter. Die Latenz – also die Verzögerung zwischen Aufnahme und Ausspielung – ist bei Live-Sportproduktionen besonders kritisch. Hinzu kamen Tests zur Netzwerkstabilität unter wechselnden Bedingungen sowie zur Bildqualität der übertragenen Signale. Die Skalierbarkeit des Systems stand ebenfalls auf dem Prüfstand: Wie verhält sich das Netz, wenn mehrere Kameras gleichzeitig senden?
Michael Wagenhofer, Geschäftsführer von Big Blue Marble, ordnete den Praxistest in einen größeren Zusammenhang ein: „Auf dem Papier sind die Möglichkeiten der 5G-gestützten Live-Produktion unermesslich. Doch erst im echten Betrieb zeigt sich, was wirklich funktioniert und wo es noch Hürden zu überspringen gibt." Harald Kräuter, Technischer Direktor des ORF, zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf: „Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend und zeigen, welches Potenzial diese Technologie für zukünftige Produktionsformen hat."
Infrastruktur für den Krisenfall
Big Blue Marble verfolgt mit dem Engagement in private 5G-Netze auch ein Ziel jenseits der Medienproduktion. Der Betreiber der österreichischen Rundfunk-Sendeinfrastruktur arbeitet an krisensicheren Kommunikationslösungen für das Land. Autarke Campus-Netzwerke wie jenes in Kitzbühel könnten im Fall eines großflächigen Stromausfalls oder einer Überlastung öffentlicher Netze eine Alternative bieten.
Die terrestrische Infrastruktur von Big Blue Marble verfügt über Notstromaggregate, die eine Mindestbetriebsdauer von 72 Stunden gewährleisten sollen. Im Krisenfall könnten Techniker über solche autarken Netze weiterhin kommunizieren und die Rundfunkversorgung aufrechterhalten. Zivilschutzwarnungen und behördliche Mitteilungen würden so auch bei ausgefallenen Mobilfunknetzen die Bevölkerung erreichen.