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Reuters auf IP: TVU-Solutions-Architekt erklärt den Workflow

Senior Solutions Architect Johannes Heckmann führt mebucom auf der NAB 2026 durch den IP-Workflow, der den globalen Reuters-Feed vom Satelliten ablöst.

TVU: Solutions Architect Johannes Heckmann
Solutions Architect Johannes Heckmann führt mebucom durch die Plattform, die den globalen Reuters-Feed vom Satelliten ablöst.
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Reuters verlagert seinen weltweiten Live-News-Vertrieb von Satellit auf IP. Den technischen Unterbau liefert TVU Networks mit der Plattform TVU MediaHub und dem Network Operations Center TVU NOC, ergänzt um einen patentierten Global-Shared-Memory-Ansatz, der über die aktuellen Grenzen der EBU-Initiative MXL hinausgeht. Senior Solutions Architect Johannes Heckmann führte mebucom auf der NAB 2026 durch den Workflow, der seit März dieses Jahres in der ersten Region produktiv läuft.

Reuters bedient bislang rund 250 Taker weltweit über einen 24/7-Highlight-Feed via Satellit. TVU Networks ersetzt diese Verbreitung schrittweise durch eine IP-basierte Plattform, die in Bild- und Tonqualität über dem bisherigen Satellitensignal liegt, bei der Latenz mithält und die Kosten deutlich senkt. Für die News-Branche, die auf der NAB intensiv über C-Band-Abschaltungen und Migrationspfade diskutiert, ist Reuters einer der meistbeachteten Referenzfälle.

SRT-Listener und Friendly Firewall

Reuters SRT-Workflow mit TVU in der Mitte.
Reuters SRT-Workflow mit TVU in der Mitte.

Architektonisch sitzt TVU als SRT-Listener zwischen Reuters und den Takern. Beide Seiten – Content-Quelle und Empfänger – fungieren als Caller, TVU agiert in der Mitte als Friendly Firewall. Auf dieser Strecke greifen Failover-Mechanismen für Main, Backup und Disaster Recovery, ergänzt um Signal-Loss- und Black-Frame-Detection. Reuters hat sich für SRT entschieden, weil das Protokoll auf Empfängerseite breit unterstützt wird und sich über die Port-Ebene direkt mit dem CRM verknüpfen lässt. Jedes Audio-, Video- und Metadatenpaket erhält eine Unique Object ID, die Abrechnung und Zugriffssteuerung pro Kunde erlaubt – im Zweifel auch das sofortige Abschalten eines Ports.

Global Shared Memory neben MXL

Der eigentliche Differenzierer liegt zwischen den Edges. Dort arbeitet TVU mit Global Shared Memory, einer patentierten Technologie, die das Konzept des Shared Memory aus MXL auf eine globale Ebene hebt. Während MXL – das im Rahmen der Dynamic Media Facility entwickelt wird – Shared Memory aktuell vor allem innerhalb eines Hosts produktiv nutzt und cross-host-Kommunikation per RDMA noch in der Pre-Release-Phase ist, ermöglicht Global Shared Memory schon heute verlustfreien, latenzarmen Austausch innerhalb einer Availability Zone, innerhalb eines LANs und cross-regional über Cloud-Grenzen hinweg.

Heckmann positioniert die Technologie nicht als Konkurrenz zu MXL, sondern als komplementäre Schicht: „Bis MXL an dem Status ist, dass es wirklich diesen Global-Ansatz hat, sind wir wahrscheinlich schon wieder woanders." TVU hat einen Global-Shared-Memory-Docker entwickelt, den Partnerunternehmen in ihre Applikationen integrieren können. Auf dieser Basis lassen sich die rund 250 TVU-Microservices nicht nur in Point-to-Point-Verbindungen, sondern in einem echten Mesh miteinander verknüpfen.

Für den Reuters-Workflow bedeutet das: Ingest-Ressourcen lassen sich nahe an der Quelle hosten, Outgest-Ressourcen nahe an den Takern – ohne dass die Cloud-Instanzen identisch sein müssen. Im Passthrough-Mode demuxt TVU das eingehende Signal, kopiert es ohne Veränderung von Audio-, Video- und Metadaten-Essenzen und stellt es über Global Shared Memory beliebig vielen Empfängern zur Verfügung.

On-Demand-Workflows statt fester Kanäle

Bislang verbreitet Reuters Live-Content über sieben Wege: einen Satelliten-Feed und sechs Online-Kanäle. Bei großen Nachrichtenlagen – etwa Wahlen oder Krisenereignissen – stößt diese Struktur an ihre Grenzen, in ruhigen Phasen ist sie überdimensioniert. „News happens when it happens", formuliert Heckmann das Skalierungsproblem. TVU adressiert es mit einem Workflow-Ansatz auf Basis seiner MediaMesh-Plattform: Reuters-Editoren legen pro Event ein Metadatenset an, lokalisieren die Quelle – etwa einen TVU Backpack, einen SAT-Feed oder eine YouTube-Source – und sobald der Status von Preparation auf Live springt, triggert das System per API einen MediaMesh-Workflow.

Reuters orientiert sich dabei an LPX (Live Production Exchange), einer DPP-Initiative, die Headline-, Description- und Status-Felder für Event-Beschreibungen vereinheitlicht und auf dem IPTC-Standard ninjs 3.0 aufsetzt. Reuters ist neben Arqiva und Warner Bros Discovery einer der Treiber des Projekts. In den Workflow lassen sich MediaMesh-Partner wie InSync für Framerate-Conversion oder Kinetic für Watermarking direkt einbinden. Die Skalierung erfolgt ohne Hardware-Limit – ein Ansatz, der die Anlieferung an Broadcaster grundsätzlich verändert: Statt fixer Feeds entsteht Live-Zugriff auf jedes Event, das Reuters als relevant einstuft. Wo Broadcaster bereits MXL-fähige Cloud-Ressourcen betreiben, kann TVU die Brücke schlagen und in MXL ausliefern.

TVU Networks auf der NAB 2026
TVU Networks auf der NAB 2026

C2PA gegen KI-Manipulation, AI-Recipes für Highlights

Parallel zur Distribution arbeitet TVU mit verschiedenen Vendors an C2PA für Live-Signale. Ziel ist ein Invisible Watermark, das vom Ursprung des Signals bis zur Empfangsseite nachvollziehbar macht, ob ein KI-generierter Eingriff stattgefunden hat. „Reuters kann damit tatsächlich nachvollziehen, ob der Content KI-basiert manipuliert wurde", so Heckmann. Die Kombination aus C2PA und Live-Workflow ist branchenweit eine der zentralen Baustellen, an der unter anderem auch IPTC und CBC/Radio-Canada arbeiten – angesichts wachsender Sorge vor Deepfakes ein zunehmend strategisches Feld für Nachrichtenagenturen.

Auf der Content-Discovery-Seite kombiniert TVU Search Logo-, Bib-Number- und Face-Detection mit Speech-to-Text und einer prompt-basierten Recipe-Logik. Anwender beschreiben in natürlicher Sprache, welche Events sie aus einem Recording herausgeschnitten haben wollen – etwa alle Tore eines Spiels inklusive Slow-Motion oder alle Szenen, in denen ein bestimmter Athlet feiert. Das Ergebnis steht als EDL oder fertiger Clip zur Verfügung. Entwickelt wurde die Bib-Number-Detection ursprünglich für Wings for Life von Red Bull, die Logo-Detection für Red Bulls eigene Athleten-Erkennung in Drittcontent. Reuters nutzt das Tool inzwischen mit TAMS-Integration: TVU schließt damit die Lücke zwischen eigenem Search-Layer und dem von BBC R&D entwickelten Time-Addressable Media Store, der inzwischen auch von AWS, Drastic, Reuters und Techex unterstützt wird.

Cloud-agnostisch als strategischer Vorteil

Den SaaS-Charakter seiner Plattform sieht TVU im aktuellen europäischen Marktumfeld als strukturellen Vorteil. „Wenn eine Cloud-Region irgendwann ans Ende ihres Lebenszyklus kommt, ist es entscheidend, einfach sagen zu können: dann sind wir halt woanders", erklärt Heckmann. Onboarding neuer Hyperscaler erfolgt entlang der Anforderungen der Kunden, relevant für Souveränitätsfragen ebenso wie für operative Risiken.

Bis zur IBC im September will TVU laut Heckmann weitere Bestandteile des Reuters-Workflows als kundenvalidierte POCs zeigen. Damit verlässt das Konzept die Pilotphase – und der Migrationsweg, den Reuters mit seinen 250 Takern beschreitet, könnte zur Blaupause für eine Branche werden, die auf der NAB intensiv über die Zukunft jenseits des Satelliten diskutiert hat.

Niklas Eckstein

Niklas Eckstein

Fachjournalist in der Medien- und Broadcast-Branche mit den Schwerpunkten Live-Produktion und Medientechnik. Chefredakteur von mebucom.de.

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