
Wie produziert einer der größten Sport-Broadcaster Europas seine Inhalte – und wie stellt er sich technologisch für die Zukunft auf? mebucom hat sich von Christian Barth, Director Production Platforms & Playout, und Alessandro Reitano, Senior Vice President Sports Production, durch das gesamte Medienzentrum am Standort Unterföhring führen lassen. Herzstück der Sportproduktion ist der sogenannte Cube: Mit über 8.500 Quadratmetern Fläche und eigener Playout-Technik zählt das Produktionszentrum zu den größten seiner Art in Europa. Nirgendwo lässt sich der technologische Wandel bei Sky Sport besser nachvollziehen als hier. Ein Blick hinter die Kulissen – von der IP-Transformation über Cloud-Playout bis zur Sportanalyse der nächsten Generation.

Maßgeschneidert für Sport
Das Sky Sport Headquarter ist auf parallele Live-Produktionen in großem Maßstab ausgelegt. „Auf Festland Europa sind wir wahrscheinlich mit die Größten“, sagt Barth. Die Zahlen untermauern das: 20 lineare Kanäle laufen über ein Cloud-basiertes Playout, dazu ein UHD-Kanal, der ebenfalls in die Cloud migriert wird. Vier Haupt-Studios und zehn PCRs ermöglichen im Cube die gleichzeitige Abwicklung zahlreicher Sportevents – von der Bundesliga-Konferenz bis zur Tennis-Übertragung.

Die Anforderungen sind in den vergangenen Jahren explodiert. „Wir haben seit 2020 mehr als doppelt so viel Content auf unserer Sportplattform“, erklärt Reitano. Sky Sport Tennis allein liefert rund 4.500 Stunden Content pro Jahr. „Wir reden einfach nur noch in Tausender-Schritten.“ Dazu kommen Bonus-Streams, Shoulder-Programming der Verbände und die stetig wachsenden Anforderungen der verschiedenen Ausspielwege – vom 9:16-Format fürs Smartphone bis zu UHD-HDR. Die Bandbreite reicht dabei von Seniorenfußball mit 5 Mbit/s bis zum Top-Spiel mit 12-Gigabit-Leitungen ins Stadion.
IP-Transformation: Wo es Sinn macht
„Der größte Treiber dieser Entwicklung ist der Sprung Richtung IP“, sagt Barth. Wo früher grüne SDI-Kabel das Rückgrat der Produktion bildeten, setzt Sky nun zunehmend auf IP-basierte Systeme. Die neue Netzwerk-Infrastruktur basiert auf Arista-Switches mit 400-Gigabit-Line-Cards – pro Anschluss. „Das Nächste, was kommt, ist 800″, so Barth. Die gesamten Videosignale werden künftig über diese IP-Kreuzschiene geschaltet.

Doch IP ist kein Selbstzweck. „Es ist immer eine Abwägung“, betont Barth. „Wenn ein neues Projekt kommt, sehen wir, was rentiert sich besser von der Skalierung her und von den Kosten her.“ Manchmal ist Cloud die richtige Antwort, manchmal on-premise.
Der Umbau erfolgt schrittweise und pragmatisch. „Wir gucken jetzt nicht in einem Sieben-Jahre-Zyklus“, erklärt Reitano den Ansatz. „Wir sind anforderungsorientiert.“ Wenn Technologie die Prozesse nicht mehr adäquat unterstützt, wird gewechselt – aber nicht um des Wechsels willen. Der Tech-Stack aus etablierten Partnern wie Avid, Vizrt und Lawo bleibt bestehen. „Wir fragen uns immer: Welches Problem wollen wir lösen?“, so Reitano. Investiert wird dort, wo es die Produktion tatsächlich voranbringt.

Cloud-Playout: Skalierung nach Bedarf
Das Playout läuft bei Sky bereits vollständig in der Cloud – ein Schritt, der vor allem der Skalierbarkeit geschuldet ist. „Cloud heißt nicht billig“, stellt Barth klar. „Aber Cloud ist eine Skalierungsfrage.“ Der Vorteil: Kanäle lassen sich schnell hochfahren, wenn neue Sportrechte erworben werden – oder eben auch abschalten, wenn sie nicht mehr benötigt werden. „Manchmal heißt es kurzfristig: Wir haben ein neues Recht gekauft, wir brauchen einen neuen Kanal. In der Cloud kann ich das relativ schnell umsetzen.“
Auch das VOD-Processing findet in der Cloud statt. Wenn ein neuer Katalog mit tausend Filmen prozessiert werden muss, kann Sky massiv parallelisieren – eine Kapazität, die on-premise nicht wirtschaftlich darstellbar wäre. Bei Produktionen mit planbarem, langfristigem Bedarf – etwa für die Bundesliga-Rechte über vier Jahre – bleibt hingegen die lokale Infrastruktur das Mittel der Wahl.

Das Playout-System selbst stammt von Bcnexxt und trägt den Namen Vipe. Neben der klassischen Programmabwicklung steuert es zahlreiche Zusatzfunktionen: Ton-Preset-Schaltungen, Signale für die zielgruppengerechte Werbeersetzung im OTT-Bereich, automatische Aufzeichnungen. Der Operator im Playout macht bei Sky traditionell auch den Ton mit – ein Effizienzgewinn durch Automatisierung und intelligente Presets, die pro Sendung individuell konfiguriert werden.
Content Hub: Ende der Silo-Denke
Parallel zum technologischen Umbau hat Sky Anfang des Jahres einen Content Hub etabliert – weniger ein technisches System als ein neues Organisationsmodell. „Wir hatten immer noch diese vertikale Silo-Denke von Linear, Digital, Social“, beschreibt Reitano die Ausgangslage. Die Lösung: Alle an einem Tisch, story-zentriertes Arbeiten über alle Plattformen hinweg.

„Der Redakteur der Zukunft ist wahrscheinlich ein Content Creator“, sagt Reitano. Einer, der Inhalte für alle Ausspielwege denkt und die entsprechenden Tools beherrscht. Die Avid Media Central-Struktur wurde entsprechend angepasst, KI-Tools unterstützen beim Prompting und bei der Materialsuche. „Es macht keinen Sinn, einen Beitrag für Instagram in einer Form zu schneiden, die dort nicht ankommt“, so Reitano. Wenn ein Harry-Kane-Tor als starke Story identifiziert ist, muss der Content Creator wissen, auf welcher Plattform er die meisten Eyeballs erreicht – und wie das Format aussehen muss.
Die technische Infrastruktur unterstützt das: Die neuen Regien, die Sky derzeit baut, werden von Haus aus 9:16-fähig sein. „Früher hast du einfach auf HD gebaut oder auf UHD“, sagt Barth. „Mittlerweile baust du für alle Formate – und wenn es 100 zu 17 sein sollte.“ KI-unterstützte Tools helfen dabei, die verschiedenen Aspect Ratios effizient zu bedienen. Das Bedienkonzept in den Regien hat sich ebenfalls gewandelt: Statt großer traditioneller Bildmischer arbeiten die Regisseure mit Keyboards und Shortcuts, die sie selbst konfigurieren – Software-Automation statt Hardware-Schlachtschiff.

Sportanalyse 2.0: Das Spiel als Videogame
Das vielleicht ambitionierteste Projekt ist die neue Sportanalyse auf Basis von Limb-Tracking-Daten. In allen Bundesliga-Stadien wurden Kamerasysteme installiert, die pro Spieler 3.600 Datenpunkte generieren. „Du kannst das Spiel in Echtzeit in ein virtuelles Spiel übersetzen“, erklärt Reitano den aktuellen Entwicklungsstand der neuen Technologie.
Die Möglichkeiten sind weitreichend: Tore aus der Perspektive des Schiedsrichters, des Torwarts oder des Gegenspielers zeigen. Den kompletten 3D-Raum um eine Spielszene herum betreten. Heat Maps und Statistiken in Echtzeit einblenden. „Damit werden neue Übertragungsformen wie zum Beispiel bei ESPN möglich, die ein NFL Spiel als animierte Toy Story Version umgesetzt haben“, sagt Reitano mit Verweis auf die experimentellen Formate amerikanischer Sender. Das Spiel komplett virtualisiert in einem 3D-Raum – ohne dass ein Spieler Motion-Capturing-Marker tragen muss.
Der Haken: Die photorealistische Darstellung der Spieler fehlt noch. Aktuell erscheinen sie als „Silbermännchen“ mit Trikot, aber ohne individuelle Gesichtszüge – EA Sports gibt verständlicherweise nicht die lizenzierten Spielermodelle heraus. Die Tracking-Technologie stammt von der Firma Tracab, die kürzlich von EA Sports übernommen wurde – ein Hinweis darauf, wohin die Reise gehen könnte. „Aktuell befindet sich die Lösung noch in der Entwicklung für den Live-Einsatz, die Rückrunde dient als erweiterte Testphase”, erklärt Reitano.

KI als Entwicklungsbeschleuniger
Solche Innovationssprünge wären ohne künstliche Intelligenz kaum denkbar. Doch neben den sichtbaren Anwendungen – Speech-to-Text etwa oder die KI-gestützte Materialsuche im Content Hub – sieht Barth den größten Impact im Backend. „Je nach Aufgabe sparst du bis zu 70 Prozent der Entwicklungszeit.“ Das betrifft vor allem die Integration von Schnittstellen und die Anpassung eingekaufter Software an die eigenen Workflows. Skys Strategie ist es, Software einzukaufen und dann mit eigenen Interfaces anzupassen – KI beschleunigt diesen Prozess erheblich.
Gleichzeitig ermöglichen leistungsfähigere Standardkomponenten neue Wege. Barth nennt das Beispiel der neuen Nvidia-Blackwell-Grafikkartengeneration: „Damit kannst du mit sehr wenig Programmieraufwand Video encodieren in optimaler Qualität.“ Früher wäre dafür ein spezialisierter Encoding-Hersteller nötig gewesen. Heute überlegt Sky zweimal, ob der Mittelsmann noch gebraucht wird. „Der Grundstack an Open Source ist so einfach zu integrieren, dass ich viel agiler werde.“ Innerhalb weniger Wochen konnte ein Encoding-Prototyp aufgesetzt werden – Technologie, die im kommenden Jahr produktiv eingesetzt werden könnte.

Mobile First – auch bei den News
Diese Agilität zeigt sich nicht nur im Backend, sondern auch in der täglichen Produktion. Im Sky Sport News-Newsroom wird die veränderte Mediennutzung besonders deutlich. „Die meisten Nutzer sehen die News zuerst auf dem Handy“, sagt Reitano. Breaking News erscheinen zuerst digital, das News-Studio dient der Einordnung und Kontextualisierung. Die Reporter sind seit zwei Jahren nur noch mit iPhones unterwegs – klassische EB-Teams gibt es nicht mehr. „Ein Gimbal, ein Light Kit – und los geht es“, beschreibt Reitano das Setup. Beschwerden von Zuschauern über die Bildqualität? Gab es noch nie.
Die technische Konsequenz: Das Studio produziert in HD, nicht in UHD. Der Content erreicht die Zuschauer ohnehin überwiegend auf mobilen Endgeräten. Gleichzeitig bleibt der Nachrichtenkanal ein wichtiger Ankerpunkt im Sky-Universum. „Viele Leute kommen bei uns auf die Plattform und haben Sky Sport News als ihren Sender Nummer eins“, so Reitano. „Von dort aus geht es dann in die anderen Kanäle.“
Näher dran am Spiel
Am Ende geht es bei allen technologischen Investitionen um ein Ziel, das die DFL vor kurzem mit dem Schlagwort „Closer to the Game“ geprägt hat. Reitano greift es auf: mehr Nähe, mehr Perspektiven, mehr Emotion – ob durch Kameras, die den Spieler vom Bus bis in die Kabine begleiten, durch Ref-Cams oder durch verkabelte Coaches beim Warm-up.

„Der Fußball-Purist möchte davon nichts wissen“, räumt Reitano ein. Aber den bedient Sky bereits mit dem klassischen Live-Bild. Die jüngere Generation jedoch, aufgewachsen mit EA Sports und PlayStation, erwartet etwas anderes: Daten, Gamification, neue Blickwinkel. „Desto besser du das Spiel übersetzen kannst wie ein Videospiel, desto griffiger wird es für die nächste Generation.“
Der Rundgang durch den Cube zeigt: Sky baut nicht einfach um – der Broadcaster denkt Sportproduktion neu. IP-Infrastruktur, Cloud-Playout, Content Hub, Limb Tracking: Die einzelnen Bausteine fügen sich zu einer Strategie, die technologische Flexibilität mit veränderten Sehgewohnheiten zusammenbringt. Die Transformation ist noch lange nicht abgeschlossen – aber die Richtung ist klar.













