Serverless statt Silos – Wie die Fonn Group Newsrooms modernisiert

Die Fonn Group bietet mit Mimir und Saga cloudnative Lösungen für Medienhäuser an. Managing Director Michael Schüller erklärt auf den Hamburg Open 2026, warum sich die Branche in einem Umbruch befindet und weshalb Entscheidungen trotzdem nicht aufgeschoben werden sollten.

54

Die Medienbranche steckt in einer schwierigen Phase. Kostendruck, Personalabbau und technologischer Wandel treffen auf gewachsene Systemlandschaften und eine Vielzahl neuer Lösungsansätze. Viele Medienhäuser zögern mit Investitionsentscheidungen – aus Sorge, auf das falsche Pferd zu setzen. Michael Schüller, Managing Director Deutschland bei der norwegischen Fonn Group, beobachtet diese Entwicklung aus der Perspektive eines Softwareanbieters. Im Gespräch auf den Hamburg Open 2026 analysiert er die aktuelle Lage und erklärt, welche Vorteile cloudnative Architekturen bieten können.

Eine Branche im Umbruch

Die Stimmung auf den Hamburg Open ist gut, die Hallen sind voller als in den Vorjahren. Doch hinter den Gesprächen am Messestand verbirgt sich eine gewisse Unruhe. „Die Branche ist schon in einem ziemlichen Umbruch“, beobachtet Schüller. „Wir sehen viele große Hersteller, die plötzlich anders aufgestellt sind, wichtige Leute, die nicht mehr da sind, wo sie vorher mal gewesen sind, Unternehmen, die vielleicht auch ganz vom Markt verschwinden.“

Für Anbieter wie die Fonn Group bedeutet das konkret: längere Verkaufszyklen und eine geringere Entscheidungsbereitschaft auf Kundenseite. „Das liegt aber auch sehr viel daran, dass wir so viele neue Impulse bekommen im Moment im Markt, dass man auch verstehen kann, dass nicht sofort Entscheidungen getroffen werden, weil man auch nicht die falsche Entscheidung treffen möchte“, räumt Schüller ein.

Anzeige
Riedel Bolero Mini Ad

Kostendruck trifft alle gleichermaßen

Die wirtschaftliche Situation macht keinen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medienhäusern. „Der Kostendruck ist überall immens“, stellt Schüller fest. „Überall hören wir, dass Unternehmen sich verändern müssen, dass sie Leute entlassen müssen, dass extrem große Einsparpotenziale umgesetzt werden müssen.“

Das Dilemma liegt auf der Hand: Wer mit weniger Personal das gleiche Programm produzieren soll, muss effizienter arbeiten. Gleichzeitig erfordert der Umstieg auf neue Technologien Investitionen – und die Unsicherheit darüber, welche Cloud-Strategie die richtige ist, führt zu einem Innovationsstau. Viele Häuser warten ab, statt zu handeln. Dabei zeigen sich die Folgen veralteter Systemlandschaften bereits im täglichen Betrieb.

Reibungsverluste im Alltag

Die größten Ineffizienzen sieht Schüller in der mangelnden Kollaboration. „Die Leute müssen heute sehr viel kollaborativer zusammenarbeiten. Sie müssen die Gelegenheit haben, von überall im Newsroom agieren zu können“, beschreibt er die Anforderung. „Ich kann nicht darauf angewiesen sein, morgens erst ins Büro zu gehen und den Rechner zu starten, um Zugriff auf eine Applikation zu haben.“

In der Praxis führen gewachsene Strukturen zu vermeidbaren Umwegen: Anrufe, um nachzufragen, ob ein Beitrag fertig ist. Dateien, die per Mail verschickt werden müssen. Inhalte, die mehrfach produziert werden, weil sie nicht rechtzeitig in die digitalen Kanäle gelangen. „Das sind Reibungsverluste, die wir als Ineffizienz bezeichnen können“, so Schüller. Cloud-Architekturen könnten diese Probleme lösen – wenn sich die Häuser darauf einlassen.

Mimir und Saga: Serverless statt Server-Cluster

Die Fonn Group adressiert diese Herausforderungen mit zwei Produkten: Mimir als MAM- und PAM-System sowie Saga als Newsroom-Lösung. Beide basieren auf einer cloudnativen, serverlosen Architektur auf Basis von Amazon Web Services. Der Unterschied zu herkömmlichen Systemen liegt im Detail: Während viele Anbieter ihre Software lediglich in die Cloud verlagern – ein sogenannter Lift-and-Shift-Ansatz –, wurde die Fonn-Software von Grund auf für den Cloud-Betrieb entwickelt.

„Wir verfolgen ein Continuous-Delivery-Prinzip“, erklärt Schüller. „Die Software wird ein- bis zweimal die Woche aktualisiert. Alle Kunden arbeiten mit der gleichen Version, alle bekommen die gleichen Funktionalitäten.“ Downtimes für Updates entfallen, der Administrationsaufwand sinkt. Für Medienhäuser, die ohnehin unter Kostendruck stehen, ein relevanter Faktor.

Die Skalierbarkeit ist ein weiterer Vorteil: Rechenleistung kann je nach Bedarf hoch- und heruntergefahren werden. Wer saisonal schwankende Anforderungen hat – etwa bei Großereignissen – zahlt nur für das, was tatsächlich genutzt wird.

Hamburg Open 2026: Podcast-Aufzeichnung am Stand von MCI Studio Hamburg und EngineRaum

Geopolitik und die Frage nach dem Hyperscaler

Die Abhängigkeit von AWS als amerikanischem Hyperscaler ist auf den Hamburg Open ein wiederkehrendes Thema. Die geopolitischen Spannungen und die Frage der Datensouveränität beschäftigen viele Medienhäuser. „Es ist ein riesiges Thema natürlich“, bestätigt Schüller. Allerdings treffe diese Diskussion alle großen Cloud-Anbieter gleichermaßen – ob Amazon, Microsoft oder Google.

Die Fonn Group begegnet den Bedenken mit einem hybriden Ansatz. Während das Computing auf AWS stattfindet, können über einen Agenten auch On-Premise-Komponenten angebunden werden. Speichersysteme lassen sich flexibel integrieren. Zudem setzt Schüller auf die angekündigte European Sovereign Cloud von AWS, die zumindest einen Teil der geopolitischen Bedenken adressieren soll.

„Mehr Sicherheit, mehr Verfügbarkeit, mehr Skalierbarkeit finde ich in keinem Rechenzentrum-Keller, als ich das bei den Hyperscalern heute finden kann“, argumentiert er. Die Entscheidung zwischen Kubernetes-Clustern und serverlosen Architekturen sei letztlich eine strategische: Wer maximale Individualität will, wählt den einen Weg. Wer schnell skalieren möchte, den anderen.

Axel Springer als Referenzprojekt

Ein konkretes Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Architektur liefert die Zusammenarbeit mit Axel Springer. Die Fonn Group betreut dort seit mehreren Jahren die digitale Distribution, zunächst für Bild, später auch für Archive. Das jüngste Projekt: die Integration des gesamten Fotoarchivs in Mimir.

„Damit haben wir nicht mehr nur eine MAM- und PAM-Lösung, sondern auch eine DAM-Lösung“, erklärt Schüller. Das System verarbeitet Bilder im selben Workflow wie Videos – bei Datenmengen im acht- bis neunstelligen Bereich. Ob 5 Millionen oder 50 Millionen Bilder, ob 10.000 oder 100.000 neue Dateien pro Tag: „Das ist für unsere Architektur völlig unerheblich.“

Die Geschwindigkeit der Implementierung unterstreicht den Vorteil cloudnativer Systeme: Der komplette Sender wurde innerhalb von vier Monaten aufgesetzt. „Wenn man das vergleicht mit herkömmlichen Legacy-Systemen, ist das etwas, wo viele Leute die Augenbrauen hochziehen“, so Schüller. Der Grund liege nicht in besonders schneller Arbeit, sondern schlicht in der Architektur.

Messe: Hamburg Open 2026
Hamburg Open 2026

Der kulturelle Wandel als unterschätzte Hürde

Technologie allein löst keine Probleme, wenn die Organisation nicht mitzieht. Schüller empfiehlt, Anwender frühzeitig in Transformationsprojekte einzubinden und vor allem die richtigen Fragen zu stellen: Welche Anforderungen haben wir tatsächlich? Wo wollen wir hin? Welche neuen Arbeitsplatzbeschreibungen ergeben sich? Wie binden wir KI ein?

„Wenn ich heute ein Legacy-System ablösen möchte, das vielleicht seit einem Jahrzehnt eingesetzt wird, dann mache ich das einmal und muss mir vorher sehr viele Gedanken machen“, betont er. Der Markt biete unzählige MAM- und PAM-Tools, aber nur wenige davon seien tatsächlich serverless und cloudnativ. Wer die Total Cost of Ownership ernsthaft betrachten wolle, müsse diesen Unterschied verstehen.

Drei Jahre vorausdenken

Einen Blick fünf Jahre in die Zukunft wagt Schüller nicht. Aber drei Jahre? „Dann werden wir noch eine ganze Menge Veränderungen feststellen“, prognostiziert er. KI werde weiter Einzug halten und Entscheidungen beeinflussen. Cloud-Systeme würden zum Standard. „AWS wird unser neues Betriebssystem. Wir werden uns mit diesen Technologien auseinandersetzen müssen, der eine schneller, der andere langsamer.“

Der deutschsprachige Raum hinke im internationalen Vergleich noch etwas hinterher, räumt er ein. Aber die Richtung sei klar. „Wir haben eine super schwierige Zeit im Moment, weil wir in dieser Umbruchphase sind. Aber die Broadcast-Welt wird weiterexistieren – sie wird sich nur deutlich verändern.“