Für die Live-Inszenierung von „La Traviata“ an vier verschiedenen Schauplätzen im Hauptbahnhof Zürich setzte das tpc 16 Sony HDC-1500 Kameras ein, darunter zwei drahtlos operierende SteadyCams, eine Krankamera mit HotHead und eine SpiderCam von PMT. Mehr als 15 Kilometer Kabel mussten gezogen werden, diverse drahtlose Funknetze eingerichtet werden und 115 Scheinwerfer an den Spielorten installiert werden. Dabei musste die größte Herausforderung von den Tontechnikern gelöst werden: Einerseits mussten die Sänger überall im Bahnhof das Orchester hören, andererseits konnte das Orchester nicht über Lautsprecher im Bahnhof übertragen werden, da es sonst über die Mikrofone der Sänger zu einer Rückkopplung des Orchestersignal gekommen wäre. Deshalb wurde den Sängern/innen das Orchestersignal über InEar-Lautsprecher zugespielt, genauso wie dem Dirigenten die Signale der Sänger/-innen über Kopfhörer zugespielt wurden – und das alles verzögerungsfrei und synchron zu den Kamerasignalen.
Drei Stagetec- und ein Yamaha-Pult
Ein Yamaha Pult war dazu als „FOH“-Pult im Einsatz – nicht für die Beschallung des Hauptbahnhofes, sondern für die drahtlose Zuspielung des Orchesters in die InEar-Monitore der Sänger/-innen und für die Zuspielung der Solisten und des Chores in den Kopfhörer des Dirigenten und die PA-Monitore vor dem Orchester. Da nur in der Schlussszene Orchester, Chor und Solisten/-innen am gleichen Produktionsplatz agierten, waren bei allen anderen Szenen des 1., 2. und 3. Aktes außerdem bis zu drei Sub-Dirigenten gefordert.
Zusätzlich zum Audiosignal mussten diese auch mit einem Videobild vom Dirigat des Hauptdirigenten versorgt werden. Dazu wurde der Hauptdirigent Paolo Carignani mit einer separaten Kamera aufgenommen und das Bild drahtlos zu den Sub-Dirigenten an die verschiedenen Aufführungsorte im Hauptbahnhof übertragen. Insgesamt wurden bei der Übertragung 150 Sennheiser Mikrofone (80 kabelgebundene für das Orchester, 60 drahtlose für den Chor und zehn drahtlose für die Solisten/-innen) eingesetzt.
Um aus dieser Vielzahl von Quellen den Stereo-Fernsehton zu generieren, wurde der Chor auf einem Stagetec Cantus-Pult im Rüstwagen auf vier Summensignale zusammengemischt, die dann an ein weiteres Stagetec Cantus-Pult in einen vom Hessischen Rundfunk angemieteten Audio-Übertragungswagen übergeben wurden. Dort wurden die Summensignale des Orchesters und die der Solisten/-innen gemischt und zusammen mit den Chor-Summen an das Stagetec Aurus Pult im tpc HD-Ü-Wagen übergeben. Dort wurde dann passend zum Fernsehbild der Stereosendeton abgemischt.
Transtechnik-Pult für die Lichtregie
Zusätzlich zu den „normalen“ Lichtquellen im Hauptbahnhof wurden lediglich 110 zusätzliche Scheinwerfer von der tpc montiert, da der Charakter des Züricher Hauptbahnhofes erhalten bleiben sollte. So wurden an den vier Produktionsplätzen (Les Arcades, Gleis 9, Il Baretto und Haupthalle) die zusätzlichen Scheinwerfer nur sehr sparsam zur Aufhellung der Gesichter der Akteure eingesetzt. Außerdem wurden die Fenster der Haupthalle von außen und die Wände von innen mit Effektlichtern von Studio Due und mit Showguns von High-End-Systems bespielt. Mit diesem Licht lieferten die 16 HD-Kameras stimmungsvolle Bilder und ließen die Alltagsrealität des Hauptbahnhofes und die große Kunst der Akteure problemlos miteinander verschmelzen.
Beeindruckende Kamerafahrten
In der der 115 × 35 Meter großen Haupthalle war eine SpiderCam von PMT installiert, die aus Höhen zwischen zwölf und einem Meter eindrucksvolle Bilder lieferte und die verschiedenen Szenenorte in und um die Haupthalle mit beindruckenden Kamerafahrten zusammenfügte. Von der Eröffnungsszene mit einer Totalen über dem Orchester wurde die Ankunft des Chores über die Rolltreppe verbunden mit dem Fest im Les Arcades, um nur ein Beispiel zu nennen. Nur zwei Kameras waren fest auf Podesten beim Set 3 und beim Set 4 installiert. Alle anderen drahtgebundenen Kameras waren auf fahrbaren Pumpenstativen, auf einem Dolly oder einem fahrbaren Kran montiert und konnten so zusammen mit den drahtlosen SteadyCams den Künstlern auch im größten Gedränge problemlos folgen und sie an jedem Szenenort hautnah und stimmungsvoll einfangen.
Produktion in 1080i
Alle 16 Kamerasignale und die vorgemischten Tonsignale liefen im tpc HD-Ü-Wagen (technische Beschreibung im HD OBVan Directory 2007 auf Seite 169 ###wirklich drinlassen?? ###) zusammen. Dort wurde am Sony MVS-8000 die Bildmischung der 1080i Produktion durchgeführt. Über eine Glasfaserleitung wurde das HDTV-Sendebild und ein daraus downkonvertiertes SDTV-Havarie-Signal zusammen mit dem deutschsprachigen Stereo-Sendeton und einem IT-Stereosignal an den Schaltraum beim tpc in Zürich übertragen und dann dem Sendeablauf von HD Suisse in 720p und dem Sendeablauf von SF1 in 576i zur Ausstrahlung zur Verfügung gestellt. Für Arte und Arte HD wurde aus dem IT-Stereosignal in einer tpc-Tonregie der französischsprachige Stereo-Sendeton erstellt und dann zusammen mit dem HDTV-Signal und dem deutschen Stereo-Sendeton an den Arte Up-Link übergeben. Parallel zur Abgabe des HDTV-Live-Signals wurden im HD-Ü-Wagen alle Kamerasignale auf HDCAM SR-Videorekordern aufgezeichnet, um für eine spätere Nachberabeitung und die Veröffentlichung der „La Traviata“-Produktion auf DVD und Blu-ray gerüstet zu sein.
Ein Jahr Vorbereitung
Vor über einem Jahr hatte der für das szenische Arrangement zuständige Adrian Marthaler die Idee, die Oper „La Traviata“ im Hauptbahnhof Zürich zu inszenieren. Nach vielen Gesprächen und Ortsbesichtigungen mit dem Bildregiesseur Felix Breisach und dem technischen Projektleiter Rolf Allenbach wurde aus dieser Idee ein konkreter Projektplan – und am 30. September schlug die Live-Inszenierung wie ein Meteorit im Züricher Hauptbahnhof ein. Ohne zusätzliche Dekos und nur mit den Requisiten des Hauptbahnhofes gelang die Transformation der Aufführung von der Opernbühne hin zu den Pendlern und Schaulustigen in der Bahnhofshalle, verwandelte sie in einen klingenden Kultur- und Erlebnisort und ließ Alltagsrealität und große Kunst verschmelzen.
Über zehn Panasonic Plasma-Displays (103 Zoll, 65 Zoll und 50 Zoll groß, angemietet von der Dr. W. A. Günther AG), die in der Shopping-Ville und in den Restaurants Imagine und O’Primere installiert waren, konnten die Zuschauer im Bahnhof auch das 1080i HD-Fernsehbild sehen und den Fernsehton über Genelec- und JBL-Monitore hören. Und auch von den Fernsehzuschauern wurde das Projekt mit großem Applaus angenommen: Das Schweizer Fernsehen erreichte mit der dreistündigen Übertragung einen Marktanteil von 34,4 Prozent. Darüber hinaus übertrug Arte die komplette Aufführung zusätzlich zur Fernsehaustrahlung auch live im Internet.
Reinhard Penzel(MB 11/08)