Echte Technik-Freaks

Die OmniCam360, eine vom Fraunhofer Heinrich-Herz-Institut entwickelte 360-Grad-Panorama-kamera, ist weltweit die einzige ihrer Art. Schon sehr früh haben die Berliner Philharmoniker das Potential der Kamera erkannt. Nach ersten Tests wurde die Kamera nun beim geschichtsträchtigen Konzert zum 25-jährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer der Philharmoniker eingesetzt. Noch ist die Live-Übertragung eines gesamten 360-Grad-Panoramas sehr aufwändig, zumal am Empfangsort eine 360-Grad-Wiedergabemöglichkeit bestehen muss, jedoch steht eine App für ein Pan&Scan-System für Live-Veranstaltungen wie Sport und Konzerte als Beta-Version zur Verfügung, die sich kurz vor dem Launch befindet.

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Echte Technik-Freaks

Die OmniCam besteht aus zehn HD-Kameras, die in einem Spiegel-Rig befestigt sind. Die parallaxefreien Einzelaufnahmen werden in Echtzeit korrigiert und zu einem Videopanorama in einer Auflösung von ca. 2.000 x 10.000 Bildpunkten zusammengefügt. Die OmniCam misst etwa 50 x 50 cm und wiegt rund 15 Kilogramm. Im Falle des Mauerfallkonzerts wurde die OmniCam so hinter dem Dirigenten Sir Simon Rattle aufgehängt, dass dieser noch komplett zu sehen war. Ziel ist es, die OmniCam bei Live-Veranstaltungen neben den regulären Kameras einzusetzen. Das Bild der OmniCam wird dann in HD-Qualität über eine App, die in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Partnern entsteht, auf ein Tablet gestreamt.

Dies kann je nachdem als Second Screen oder als Hauptbildschirm genutzt werden, wobei der jeweilige Bildausschnitt auch auf den Fernseher übertragen werden kann. Der Zuschauer stellt durch wischen – und/oder zoomen – den Teil des Bildes in den Mittelpunkt, der ihn am meisten interessiert. Im Falle von Sportveranstaltungen, kann der Zuschauer so seinen eigenen Blick auf das Spielgeschehen wählen. Bei Konzerten kann er sich auf sein Lieblingsinstrument konzentrieren, dem Dirigenten bei der Arbeit zusehen oder den Blick schweifen lassen, denn die OmniCam nimmt die Position des Betrachters ein und ermöglicht ihm – als sei er vor Ort – den Blick in jede gewünschte Richtung oder auf bestimmte Punkte zu lenken. Daher muss die OmniCam bei Übertragungen auch nicht notwendigerweise die kompletten 360 Grad abdecken, der freie Blick nach „vorne“ – das wären 180 Grad – reichen aus, um das immersive Gefühl des Dabei seins zu erzeugen.

Um die Datenleitungen beim Pan [&] Scan nicht zu überlasten, wird nicht das komplette Panorama, sondern nur der gewählte Bildausschnitt übertragen. Dafür wird das Panorama in viele kleine Kacheln aufgeteilt. Um die angrenzenden Kacheln rasch nachladen zu können, werden diese in niedriger Auflösung vorgeladen. Erst wenn die Wischbewegung in ihre Richtung geht, wird die volle Auflösung geladen.

Ist Pan [&] Scan als Anwendung für zuhause gedacht, lassen sich die Bilder auch in ihrer Gesamtheit auf eine Panoramaleinwand übertragen, wie sie im hauseigenen TiME-Lab des HHI in Berlin existiert. Dort projizieren sieben HD-Projektoren mit einer Auflösung von 2.000 x 7.000 Pixel das Geschehen nahtlos auf eine 180-Grad-Leinwand. Die gekrümmte Leinwand füllt das gesamte Blickfeld des Zuschauers aus, als ob er selbst am Ort des Geschehens wäre. Für eine kommerzielle Nutzung ist dieses Modell jedoch noch sehr kostenintensiv, begehbare Projektionsräume sind vorerst nur im Rahmen von Vergnügungsparks realistische Szenarien.

Daher konzentriert sich die Entwicklung für Live-Veranstaltungen zuerst noch auf den Heimbereich. „Im nächsten Schritt ist sogar die Übertragung auf eine Virtual Reality-Brille denkbar“, beschreibt Dipl.-Ing. Christian Weissig, Projekt Manager Image Processing am Fraunhofer HHI, das Potential für Panorama-Anwendungen. Die Berliner Philharmoniker, die mit der Digital Concert Hall bereits ein Portal für Live-Streams ihrer Konzerte betreiben, unterstützen die Entwicklung der App. „Viele Philharmoniker sind echte Technikfreaks, die immer die neuesten technischen Möglichkeiten für sich nutzen möchten“, sagt Christoph Franke, Creative Producer der Berlin Phil Media, die die Digital Concert Hall produziert und vermarktet. So waren sie gleich von der OmniCam begeistert. „Der Panoramaansatz ist zwar extrem spannend“, so Franke weiter. „Aber wenn man das Bild auf eine gebogene Leinwand projiziert, ist es nur wenigen Leuten zugänglich. Da ist der interaktive Ansatz über eine App vielversprechender.“

Die Berliner Philharmoniker und die OmniCam

Stellte sich nur noch die Frage, welches Konzert für eine Aufzeichnung und spätere Vermarktung am besten geeignet sei. Hier bot sich das Mauerfallkonzert an, da es zwei wesentliche Voraussetzungen mitbrachte: Der Dirigent war Sir Simon Rattle und es gab einen konventionellen Orchesteraufbau, der notwendig war, damit die OmniCam auch alle Musiker von ihrer Position aus „sehen“ konnte. Zwar gab es bereits vor dem Mauerfallkonzert Aufnahmen mit der OmniCam, unter anderem auch mit den Philharmonikern, dennoch war auch dieser Einsatz noch Teil der Lernphase.

Vor dem Mauerfallkonzert hatten die Berliner Philharmoniker und das HHI bei dem MusikTANZ-Projekt „Carmen“ der Berliner Philharmoniker 2012 mit der OmniCam Aufnahmen gemacht. Das Konzept des Projekts, bei dem Schüler der 8. bis 11. Klassen, mehrere heutige Carmen-Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der mitwirkenden Jugendlichen tänzerisch darstellten, haben Sasha Waltz und ihre Compagnie entwickelt. Zu einem weiteren Test kam es beim Konzert zum 50. Jubiläum der Philharmoniker 2013. „In dem Jahr haben wir fast im Wochentakt Material aufgenommen“, erzählt Christian Weissig. Darunter auch ein Jon Bon Jovi-Konzert in Brisbane und ein Konzert der Counting Crows in London, das gleich mit drei OmniCams aufgezeichnet wurde. Auch bei Fußballspielen kam die OmniCam zum Einsatz etwa bei Spielen zur WM-Qualifikation sowie beim Endspiel Deutschland gegen Argentinien bei der FIFA WM 2014 in Brasilien, wo die OmniCam unter den Hauptkameras platziert wurde. Die dort gemachten Aufnahmen werden im FIFA-Museum für den Weltfußball in Zürich zu sehen sein, das Anfang 2016 eröffnet. Aufgrund ihrer kompakten Abmessungen und ihres geringen Gewichts gibt es auch schon Interesse, die OmniCam als Spidercam einzusetzen.

Mikrofonierung

Bei Konzerten, insbesondere bei klassischen Konzerten, spielt die Mikrofonierung bei den Panoramaaufnahmen der OmniCam eine große Rolle. Zwar ist es aus psychoakustischen Gründen nicht ratsam, den Ton beim wischen der Panoramas mitlaufen zu lassen, aber je mehr Mikrofone die Instrumente aufnehmen, desto akzentuierter und detaillierter kann man mischen und bei großformatiger Projektion wie im TiME-Lab den Richtungsbezug zum Bild wahren. „Auch bei einem sich bewegendem Bild, sollte der Ton stabil aus einer Richtung kommen“, erklärt Christoph Franke. „Das ist man so vom Fernsehen gewohnt. Alles andere verwirrt nur, weil wir es nicht gelernt haben.“ Bei dem Mauerfallkonzert kamen 64 neu entwickelte digitale Mikrofone der Firmen Neumann und Sennheiser zum Einsatz. Die Hauptmikrofone wurden für die Wiedergabe über 3D-Audiosysteme optimiert. Damit sie ihre volle Leistung entfalten konnten, wurde die zum letzten Mal im Jahr 2000 erneuerte Mikrofon-Verkabelung der 1963 eingeweihten Philharmonie zuvor daraufhin überprüft ob sie für 48 und 96 kHz digitaltauglich ist.

Digital Concert Hall

Für die Digital Concert Hall (DCH) der Berliner Philharmoniker würden künftige Live-Übertragungen eines Konzerts in traditioneller Form als auch als OmniCam-Panorama-Version oder gar in einer Version, in der man zwischen den beiden Quellen hin und her schalten kann, einen weiteren, großen innovativen Schritt bedeuten. Die DCH gibt es seit Januar 2009. Sie bietet neben Live-Konzerten mittlerweile ein VoD-Archiv von über 500 Konzerten in bester Bild- und Tonqualität (s. MB 04/13). „Im Archiv der DCH sind etwa 90 Prozent des klassischen Orchesterrepertoires vorhanden“, sagt Franke. Die DCH hat circa 20.000 zahlende Kunden und etwa 450.000 registrierte Kunden. Die stärksten Märkte sind Deutschland, die USA und Japan, aber auch Brasilien, das auf Platz 5 steht. Außerdem ist die DCH in den übrigen europäischen und asiatischen Ländern populär. Für die Philharmoniker ist die DCH das stärkste Marketinginstrument überhaupt. Daher ist es elementar, die Qualität der DCH immer auf dem Stand der Dinge zu halten und sie sowie die eingesetzte Technik weiter zu entwickeln. Etwa beim Schnittsystem. Für den Live-Schnitt der sieben Kameras, die normalerweise bei einer Live-Übertragung zum Einsatz kommen, wurde ein netzwerkbasiertes System von Vinten Radamec genutzt, das aus der Konferenztechnik kommt. Zu Beginn gab es unerklärliche Abstürze. Erst als sich ein Firmentechniker die Arbeit vorführen ließ, wurde klar, dass das System mit bis zu 200 Schnitten in kürzester Zeit schlicht überfordert war. Nach einer Erweiterung und Anpassung läuft es seitdem problemlos.

Thomas Steiger

MB 8/2014

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