Individualisierbare Web-TV-Plattform

Der Berliner IPTV-Spezialist TVNEXT Solutions GmbH hat für die Deutsche Telekom 2010 eine webbasierte Whitelabel-TV-Lösung realisiert, die den Fans der 1. und 2. Fußball-Bundesliga seither per Web- und Mobile-TV zielgruppengerechtes Entertainment bietet. TVNEXT-Geschäftsführer Christian Borsi erklärt Hintergründe, Funktionsweise und Perspektive. Die Zukunft der Fan-TV-Angebote bleibt indes von der anstehenden Neuvergabe der Fußball-Bundesliga-Übertragungsrechte nicht ganz unberührt.

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Individualisierbare Web-TV-Plattform

Die heiße Phase in den Verhandlungen über den Erwerb der Medienrechte für die Fußball-Bundesliga hat begonnen. Bis Mai soll geklärt werden, wer die Spielzeiten 2013/2014 bis 2016/2017 übertragen darf. Anders als bei den letzten Verhandlungen werden die Lizenzrechte für IPTV diesmal deutlich teurer sein. Grund: Die Attraktivität der IP-basierten Verbreitungswege wächst – ebenso wie die Zahl der Interessenten an den IPTV/Mobile-TV-Lizenzen der Fußball-Bundesliga. Neben der Deutschen Telekom wollen hier auch Sky Deutschland und Vodafone mit bieten. Selbst Google und Yahoo sind im Gespräch.

Zur Saison 2009/2010 hatte die Deutsche Telekom die IPTV/Mobile-TV-Rechte zur Übertragung der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga noch für 50 Millionen Euro pro Spielzeit erworben. Das Internet-basierte TV-Angebot „LIGA total!“ startete als Ergänzung des Telekom IPTV-Bouquets „Entertain“. Die geschätzten 200.000 LIGA total!-Abonnenten können sich alle Bundesliga-Spiele live anschauen und vorangegangene Partien im TV-Archiv abrufen. Sollte die Deutsche Telekom in Sachen IPTV-Rechte für die kommenden Fußball-Bundesliga-Spielzeiten nicht zum Zuge kommen, hätte das nicht nur Auswirkungen auf die Attraktivität ihres Entertain-Angebots sondern auch auf ihre als Dienstleistung angebotenen Fan-TV-Aktivitäten.

Sie stellt derzeit elf Bundesliga-Vereinen im Rahmen einer Zweitverwertung die eigenen Fußball-Partien als Premium Content zum Einsatz auf ihren ClubTV-Portalen bereit. Die Live-Spiele dürfen dort allerdings nur 15 bis 30 Minuten zeitversetzt gesendet werden. Neben den eigenen Spielen zeigen die elf Vereine dort auch selbst produzierten oder anderweitig eingekauften Content zu den Aktivitäten ihrer Mannschaften, Spieler und Trainer.
Die Vereine bieten ihren Fans das ClubTV-Programm im Abonnement zu Preisen um die fünf Euro pro Monat an.

Im März 2010 hatte die Deutsche Telekom das Berliner Softwareunternehmen TVNEXT mit dem Aufbau einer individualisierbaren Web-TV-Plattform beauftragt.
Ziel war es, den Bundesligavereinen zu ermöglichen, ein attraktives vereins- und fanorientiertes Web- und Mobile- TV-Angebot aufzubauen und im Abonnement zu vermarkten.
Schon zum Bundesliga-Auftakt im Sommer 2010 konnte der Plattformbetrieb aufgenommen werden. „TVNEXT verfügt über reichlich Know-how im IPTV-Bereich und hat bereits Web-TV-Projekte für Kunden wie ORF, ZDF, Audi und N24 realisiert. Außerdem überzeugte TVNEXT durch die Flexibilität seiner TV-Lösung, die als Whitelabel im grundlegenden Aufbau für alle Vereine gleich ist und parallel kundenspezifisch angepasst werden kann“, erklärt TVNEXT-Geschäftsführer Christian Borsi.

Technische Grundlage bildet eine singuläre und mandantenfähige Backendstruktur, die alle angeschlossenen Plattformen individuell mit Inhalten beliefert. Weitere TVNEXT Komponenten der Lösung sind ein Video-Management-System und das Frontend mit dem integrierten TVNEXT Videoplayer, über den Nutzer auf die Inhalte zugreifen. Borsi: „TVNEXT bietet zudem weitere innovative Optionen, die deutlich über den ursprünglichen Anforderungskatalog der Telekom hinausgehen. Hierzu zählt beispielsweise der Einsatz einer speziellen Mobil-Applikation, die Ligaspiele zuverlässig und schnell auf das iPhone oder android-basierte Smartphones bringt.“

Neben der Gesamtkonzeption und dem Aufbau der Infrastruktur verantwortet TVNEXT als Generalunternehmer auch den laufenden technischen Plattformbetrieb von „ClubTV“ und übernimmt die komplette Nutzer- und Abonnentenverwaltung der einzelnen Clubs. In enger Zusammenarbeit mit den Vereinen und der Deutschen Telekom wurde die Plattform kontinuierlich ausgebaut, beispielsweise durch die Umsetzung der iPhone-App für erste Vereine wie den FC St. Pauli. „TVNEXT brachte bewährte Systemspezialisten in das Projekt ein. Gemeinsam mit dem Agenturpartner exozet erstellte TVNEXT beispielsweise das Frontend-Konzept – und übernahm die grafische Gestaltung der Benutzeroberfläche, die jeweils für das Erscheinungsbild der verschiedenen Marken der Fußballclubs angepasst wird“, berichtet Borsi. Heute kooperieren bereits elf Bundesliga-Clubs mit der Deutschen Telekom bei ClubTV.

„Zur Realisierung des Web-TV-Projekts für die Telekom blieb wenig Zeit. Zwischen Beauftragung und dem ersten Spieltag der neuen Bundesligasaison lagen gerade einmal vier Monate. Es mussten inhaltliche Konzepte erarbeitet, Prozessabläufe eingerichtet und die Projektumsetzung begonnen werden, um rechtzeitig elf vereinseigene Webportale mit umfangreichen Features und ansprechendem Web-Design in Betrieb nehmen zu können“, erklärt der TVNEXT-Geschäftsführer.

Die Koordination zwischen den einzelnen Projektbeteiligten gehöre ebenso zum Verantwortungsbereich und Projektmanagement seines Unternehmens.
Auf Basis einer individualisierbaren Whitelabel-Lösung der TVNEXT IPTV-Technologie wurden so elf Video-on-Demand-Portale für Bundesligisten der ersten und zweiten Fußballbundesliga realisiert. Die technische Plattform ist dabei für jeden Verein identisch aufgebaut. Auch das Frontenddesign ähnelt sich im Seitenaufbau. Die Optik des Video-Players wird jeweils im Erscheinungsbild des einzelnen Vereins gestaltet.

Jedes Vereinsportal ist redaktionell eigenständig und bietet seinen Usern einen Mix aus vereinseigenen Beiträgen, Spielberichten – und allen Spielen der laufenden Saison des jeweiligen Vereins. Die Vereine arbeiten dazu teils mit eigenen Redaktionen oder beauftragen Produzenten. Das Content-Material aller Bundesligaspiele wird exklusiv vom Betreiber der B2B-Plattform „ClubTV“, der Deutsche Telekom, geliefert. Je nach Verein wird das Angebot auch um zusätzliche Spiele, beispielsweise aus dem DFB-Pokal ergänzt.

Zur Nutzung benötigen die Fans in der Regel ein kostenpflichtiges Abonnement für den Verein der Wahl oder müssen sich vor dem Abruf spezieller kostenloser Beiträge registrieren. Vereinzelt können Videos auch ohne Login abgerufen werden. Sowohl die Video- und Portaladministration als auch die Abonnentenverwaltung wird über das TVNEXT-Managementsystem abgewickelt. Das System verwaltet beispielsweise individuelle Abolaufzeiten, übernimmt die Verlängerung von Abos, stößt Payment-Prozesse an und stellt die zeitnahe Verfügbarkeit aller Videoinhalte sicher. Rund um die Spieltage unterliegt das System einer besonders hohen Beanspruchung.

Die Fans können auf den einzelnen Vereinsportalen bereits vor einem Spiel die Vorberichterstattung anschauen. Nach Abpfiff steht das gesamte Spiel als sogenanntes „ReLive“ bereit, das heißt 30 Minuten nach Spielende. Jeweils vor einem Spiel und im Anschluss an den Spieltag werden zudem die Kommentare von Trainern, Spielern und Experten bereitgestellt. Andere Inhalte im Verantwortungsbereich der einzelnen Vereine sind beispielsweise Videos einer Pressekonferenz des Clubs oder Ähnliches.

Die technische Lösung

Borsi: „Das Backend der TVNEXT Whitelabel-Lösung wurde in PHP und Java umgesetzt und bietet höchste Kompatibilität bei gleichzeitig hoher Systemstabilität. Die einzelnen Beiträge werden von den Redakteuren direkt im System abgelegt oder über die „ATP“- (Automatische Transcoding Plattform) Schnittstelle von Plazamedia, dem IPTV-Produzenten der Deutschen Telekom, angeliefert. Die Bereitstellung eines Beitrags an einen Abonnenten erfolgt über das Content Delivery Network von Akamai. Innerhalb von 30 Minuten nach Abpfiff in den Bundesligastadien werden die Videos aller Spiele von Plazamedia in das ClubTV-Backend eingestellt, dort konfektioniert, transkodiert und weiter ins CDN (Content Delivery Network) hochgeladen.“

Der Abonnent ruft die Videos seines Lieblingsvereins direkt über den integrierten TVNEXT-Player ab. Entsprechend der jeweils verfügbaren Bandbreite wählt der Player automatisch die optimale Videoqualität aus drei vorgegebenen Formaten. Der TVNEXT-Web-Player ist in Flash umgesetzt und kann mit allen gängigen Browsern genutzt werden.
Neben der technischen Stabilität garantiert das TVNEXT-System eine flexible Ausspielung über unterschiedliche Verbreitungswege hinweg. Die Übertragung der einzelnen Vereinsangebote in die dazugehörigen Mobile-Apps erfolgt beispielsweise über dasselbe singuläre Backendsystem.

Für alle Vereine wurde eine iPhone-App entwickelt. Die Entwicklung dieser iOS-Apps wurde von TVNEXT und dem Agenturpartner exozet geleitet. Kurz darauf folgte die Ausspielung auf weitere Endgeräten mit Apps für Android-Smartphones etc; die Anbindung weiterer Geräteplattformen ist denkbar. „Durch die konsequente Einhaltung von Standards im Backend-Bereich und einer Limitierung der Frontend-Funktionalitäten auf einen identischen Umfang für alle Vereine weist das System eine besonders hohe Stabilität auf. Zusätzliche Vereinsangebote und Ausspielvektoren können flexibel, schnell und kostengünstig in das System integriert werden“, erklärt Borsi. Die Deutsche Telekom als Betreiber der B2B-Plattform ClubTV sei somit in der Lage, interessierten Vereinen zeitnah ein attraktives Gesamtpaket für die Verbreitung von Videoinhalten bereitzustellen.

Viele Anforderungen und Vorgaben

Nicht nur innerhalb der Projektierungsphase, sondern auch im täglichen Betrieb stellen die unterschiedlichen Schwerpunkte der involvierten Fußballvereine hohe Anforderungen an die Projektbeteiligten. Entsprechend den Vorgaben des Auftraggebers koordiniert das ClubTV-Team von TVNEXT alle technischen Dienstleister, die für den Aufbau und den reibungslosen Betrieb des Systems mitverantwortlich sind, dazu zählen Payment-Dienstleister, das Content Delivery Network, Hosting-Partner und Videoproduzenten. Darüber hinaus müssen die individuellen Anforderungen der aktuell elf Fußballvereine koordiniert und mit der Deutschen Telekom abgestimmt werden. TVNEXT betreut im Rahmen des ClubTV-Angebots auch die Endnutzer und leistet umfassenden technischen Support. „Gemeinsam mit der Deutschen Telekom und den beteiligten Vereinen wird das System permanent weiterentwickelt. Die Roadmap wird dazu in gemeinsamen Workshops erarbeitet und sukzessive umgesetzt“, sagt Borsi.

Vor dem Start der einzelnen Plattformen mussten sämtliche redaktionelle Daten, archivierte Videoassets und bestehende Nutzerdaten von den teils zuvor bestehenden Plattformen („Sportfive“ und „btd“) in das TVNEXT-System migriert und mit den neuen Strukturen und Anforderungen harmonisiert werden. Die aktuell von TVNEXT betriebenen Services wurden in Teilen zuvor von diversen anderen Dienstleistern betreut. Zudem wurde ein neuer Payment-Dienstleister beauftragt. Borsi: „Die Übergabe der sensiblen Bankdaten erforderte dabei einen besonders hohen Koordinierungs- und Abstimmungsaufwand, um die Datensicherheit stets zu wahren.“
Im September letzten Jahres hat TVNEXT für alle elf Fan-TV-Clubs auch iPhone-Apps gestartet, im Dezember dann auch Android-Apps für alle Vereine, darunter der FC St. Pauli, Mainz 05 und Borussia Mönchengladbach. Die Apps bieten unter anderem Zugriff auf die jeweils 25 neuesten Videos der Vereine.

Unmittelbar nach Abpfiff werden auf den verschiedenen ClubTV-Portalen via Internet und Apps die Bundesligaspiele der Vereine in voller Länge als Bezahl-Inhalt bereitgestellt. Zusätzlich gibt es je nach Verein ein Angebot aus Videobeiträgen mit den Spieltag-Highlights, Vor- und Nachberichten zu den Partien sowie exklusives Videomaterial von Freundschaftsspielen, Pressekonferenzen, Spielerporträts – und vieles mehr. Für iPhone und Android-Handy werden die Inhalte parallel für jeden Verein ausgespielt. Die für die Vereine entwickelten Apps werden dazu durch das TVNEXT Video Management System mit dem passenden mobilen Videoformat beliefert.

Perspektive

„Wenn die Deutsche Telekom künftig die IPTV-Rechte nicht mehr erhalten sollte, dann entfällt für die Vereine die Zulieferung der Spiele. Das heißt nicht unbedingt, dass die Vereinsportale sterben müssen. Die Vereine müssten sich allerdings selber neu positionieren“, meint Borsi. Soll heißen, sie müssten dann gegebenenfalls wie die großen Vereine Bayern München oder Borussia Dortmund, die TV-Produktion ihrer Spiele selbst in die Hand nehmen oder bei den Produzenten anderer Rechteinhaber einkaufen. „Der neue IPTV-Rechteinhaber könnte auch bei uns anfragen, oder sich einen anderen Dienstleister für ein ClubTV-Angebot suchen. Dann müsste der sich jedoch die dafür nötige Plattform neu erstellen.

Einfacher haben es die Vereine, wenn sie auf der vorhandenen Lösung weiter arbeiten können. Das wäre dann aber zwischen Rechteinhaber und den Vereinen auszuhandeln“, erklärt Borsi. „Wir gehen aber davon aus, dass wir den Vereinen gemeinsam mit unserem Partner Deutsche Telekom ein leistungsfähiges Angebot mit erweiterten Funktionen über die bisherige Laufzeit hinaus anbieten können.“ Der Vertrag zwischen Telekom und TVNEXT läuft bis Sommer 2013 und ist an die aktuelle Laufzeit der IPTV-Rechte gebunden. „Bis dahin können die Vereine noch in Ruhe Stellung beziehen. Dabei ist zu beachten, das der Kostenaspekt für sie bei uns recht günstig ist“, sagt Borsi.

Mit Blick auf eine optionale Vertragsverlängerung hat TVNEXT einen Relauch der ClubTV-Plattform mit erweiterten Funktionalitäten ins Auge gefasst. „Wir sind mit unserem Partner Deutsche Telekom derzeit in kreativen Gesprächen, um die Plattform in Sachen Funktion und Design zu optimieren. Geplant sind zum Beispiel weitere Social Media Komponenten, um sich noch besser austauschen zu können oder Beiträge und Wünsche zu äußern“, berichtet Borsi. Möglich seien auch Statistiken zum Spiel und die Verbreitung auf weiteren, alternativen Endgeräten.
Schon in den letzten Monaten sind einige neue Features eingeführt worden, so die Möglichkeit des Live-Streamings durch die jeweiligen Vereine. Im Januar 2012 wurde zudem eine 3. Qualitätsstufe eingeführt, neben 700 kbit und 1.200 kbit nun auch 1.800 kbit Bandbreite.

Konkrete Nutzerzahlen der Fan-TV-Angebote kann Borsi nicht verraten. Nur soviel: „Seit dem Launch im Sommer 2010 sind gegenüber den vorherigen Anbieter die Nutzerzahlen stark angestiegen. Allein zwischen Januar 2011 und Januar 2012 ist die Abonnenten-Zahl um circa 30 Prozent gestiegen“, berichtet er. Auch die Mobile-Apps würden stark genutzt. „Seit dem Launch der Android-Apps im Dezember 2011 haben zum Beispiel mehr als 20 Prozent aller ClubTV-Nutzer die Android-App installiert“, betont der TVNEXT-Chef.
Eckhard Eckstein
(MB 03/12)

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