Feste Kapazität, die auf Vorrat bereitsteht, war für Reuters lange die Regel – jetzt soll die Nachrichtenlage selbst bestimmen, wie viel Verarbeitung, welche Services und wie viel Distributionskapazität ein Live-Ereignis bekommt. Reuters und TVU Networks haben dafür ein neues Betriebsmodell vorgestellt, das dynamisch zusammenstellt, was jede Breaking-News-Geschichte gerade braucht, statt vorab feste Sendeinfrastruktur zu reservieren.
Grundlage ist die Plattform, die beide Unternehmen für den Reuters Live Service (RLS) aufgebaut haben. Seit März 2026 migrieren Reuters und TVU Networks den vormals per Satellit verteilten Dienst auf ein cloud-basiertes IP-Modell, gestützt auf TVU MediaHub und TVU NOC. Damit legten sie die software-definierte Basis für bessere Signalqualität, automatisiertes Failover und Disaster Recovery – und für eine Distribution, die mit wachsender Kundenzahl mitwächst. Die jetzt vorgestellte zweite Phase geht darüber hinaus: Sie öffnet nicht nur die Distribution für Skalierung, sondern den gesamten Live-Betrieb.
MediaMesh bündelt Framerate-Konvertierung, Wasserzeichen und Monitoring
Zentral dafür ist TVU MediaMesh, das TVU-eigene und Dienste von Drittanbietern in einer gemeinsamen Umgebung zusammenführt. Ein Breaking-News-Feed lässt sich darüber etwa in der Framerate konvertieren, mit Wasserzeichen versehen und gleichzeitig für Live- und File-Workflows überwachen. Die zugehörigen Platform Tools – Build, Operate und Observe – laufen derzeit in begrenzter Verfügbarkeit und sollen Operatoren beim Aufsetzen, Betreiben und Überwachen von Workflows von der technischen Komplexität dahinter abschirmen.
LPX verknüpft die redaktionelle Entscheidung direkt mit der Technik
Neu ist auch, wie eng Reuters die Redaktion an die Technik anbindet. Über den DPP Live Production Exchange (LPX) verknüpft die Agentur die Entscheidung, live zu gehen, direkt mit dem technischen Workflow: Wechselt ein Ereignis von der Vorbereitung in den Live-Betrieb, aktiviert TVU MediaMesh automatisch die dafür nötigen Services. Manuelles Signal-Routing entfällt dadurch weitgehend, und die Technik reagiert unmittelbar auf redaktionellen Bedarf statt auf feste Infrastrukturgrenzen.
TAMS und EBU-Standards halten die Architektur offen
Wichtig war Reuters dabei, keine feste On-Premise-Infrastruktur gegen eine neue geschlossene Systemwelt einzutauschen. Die Architektur setzt deshalb auf offene Technologien: TAMS (Timeline-Addressable Media Store), EBU DMF (Dynamic Media Facility) und EBU MXL (Media Exchange Layer) laufen neben LPX, den APIs von TVU und dessen Global-Shared-Memory-Architektur. Das öffnet den Aufbau für spezialisierte Partner: InSync FrameFormer liefert bewegungskompensierte Framerate-Konvertierung für Zielformate, die das brauchen, Kinetiq Teletrax schützt und verfolgt Reuters-Content über die globale Distribution mit unsichtbaren Wasserzeichen. Über TAMS lässt sich Content zudem Anwendungen wie Sonys Hive zugänglich machen – darauf aufbauend entwickelt Reuters KI-Workflows, die Material analysieren und dessen Metadaten anreichern.
Auf der IBC 2026 zeigen Reuters und TVU Networks zusätzlich ein Integrationskonzept für Elecard Boro TS Analyzer und TAG Multiview – ein Ausblick darauf, wie sich weiteres Monitoring und Signalanalyse künftig einbinden lassen. Perspektivisch soll die Plattform über die globale Nachrichtendistribution hinaus auch Contribution, Produktion und Processing abdecken, statt für jeden neuen Workflow einen eigenen Technologie-Stack aufzubauen. Joseph Delshadian, Director of Content Distribution bei Reuters, bringt den Wechsel auf den Punkt: „Jahrzehntelang hat die Infrastruktur bestimmt, was wir verteilen konnten. Das ist vorbei. Jetzt entscheidet die Geschichte."
Das Projekt „Capacity that follows the live news story" ist als Finalist für die IBC Innovation Awards 2026 in der Kategorie Content Distribution nominiert. Reuters und TVU Networks stellen den Anwendungsfall gemeinsam mit InSync, Kinetiq und Vertretern der TAMS-Initiative am 12. September um 15:30 Uhr am TVU-Stand 5.B86 vor.