Wer den neuen Truck von DMC Production zum ersten Mal sieht, sucht vergeblich nach der vertrauten Bildregie. Keine Mischpultfläche, kein Replay-Operator-Platz, keine Reihe an Monitoren entlang der Wände. Stattdessen: drei Arbeitsplätze in einem aufgeräumten, fast nüchtern wirkenden Fahrzeuginnenraum.
Jens Envall, Chief Innovation Officer bei DMC Production, stellt gleich klar, womit man es hier zu tun hat: „Das ist kein OB-Truck im traditionellen Sinne. Ich definiere das als Remote Production Vehicle." Der Unterschied ist konzeptioneller Natur – und hat weitreichende technische Konsequenzen.

Das Herzstück: Grass Valley AMPP im Rack
Technisch basiert das Fahrzeug auf der Cloud-nativen Produktionsplattform Grass Valley AMPP. Im vorderen Teil des Trucks stehen zwei Haupt-Technikracks sowie ein halbes Zusatzrack. Darin: vor allem Grass Valley AMPP-Server – und erstaunlich wenig sonst.
Die AMPP-Server übernehmen das gesamte Processing: Videomischung, Replay, Audiomischung und Multiviewer laufen vollständig auf ihnen. „Der Replay läuft als Processing auf den Grass Valley AMPP Servern. Wir machen dort Audio-Mixing, Video-Mixing und den Multiviewer – das deckt im Wesentlichen die Grundlagen einer Produktion ab", erklärt Envall. Das System unterstützt bis zu 16 Grass Valley Kameras über XCUs sowie weitere 32 externe SDI-Signale über drei Stage-Boxen.
Die entscheidende Umkehrung
Was diesen Truck von klassischen REMI-Setups unterscheidet, ist die Logik der Signalführung. Bei konventionellen Remote-Produktionen werden alle Kamerasignale vom Veranstaltungsort in ein zentrales Broadcast Center übertragen, dort gemischt und dann zurückgeschickt. Das erfordert enorme Bandbreiten – und entsprechend teure Leitungen.
DMC Production dreht dieses Prinzip um: Das Processing passiert im Truck vor Ort. Die angebundenen Regieräume in Helsinki und Hilversum empfangen lediglich einen niedrig latenzen Multiviewer-Stream sowie Steuerdaten. „Jemand hat das Reverse Remote Production genannt – das trifft es in gewisser Weise", sagt Envall. „Processing dort, wo es passiert, und wir steuern es remote."
Die Bandbreitenanforderung für den gesamten Betrieb liegt bei rund 100 Mbit/s. Davon entfallen etwa 25 Mbit/s auf die Plattform selbst, 25 Mbit/s auf das Monitoring via WebRTC-Multiviewer-Streams. „Wenn wir einen Programmausgang über SRT herausschicken müssen, reserviere ich dafür weitere 25 Mbit/s – und wir haben immer noch Headroom", so Envall.
Vollwertige Remote-Galleries in Helsinki und Hilversum
In beiden angebundenen Kontrollräumen stehen vollständige Hardware-Panels: ein Maverick Visionmischer-Panel, Audio-Fader, ein LiveTouch Replay-Controller sowie OCPs und RCPs für die Kamerakontrolle. Die Operatoren arbeiten mit denselben Multiviewer-Layouts, die im Truck generiert und per WebRTC übertragen werden.
„Was sie sehen, um die Sendung zu produzieren, ist exakt dieser Multiviewer hier", erklärt Envall, während er auf das Display im Fahrzeug zeigt. SRT-Streams aus den Remote-Galleries dienen dabei lediglich als Rückkanal zur Verifikation.

Flexibel für Sport und Entertainment
Der primäre Einsatzbereich sind Sportproduktionen – das ist laut Envall der Kern des Unternehmens. Doch er sieht das Fahrzeug auch für Entertainment-Formate: Produktionen im Stil von MasterChef etwa, mit wenigen Kameras, einem Director vor Ort, ISO-Recording aller Feeds und anschließender Postproduktion. „Wir nutzen die elastischen Rekorder im System für den Ingest und übergeben die Festplatten am Ende an den Kunden – oder laden direkt in den Cloud-Storage hoch."
Dafür ist eine kleine NAS-Lösung im Truck geplant, die zum Zeitpunkt des Gesprächs auf der SportsInnovation noch nicht verbaut war.
Audio: Calrec als Ergänzung
Für einfache Audioproduktionen reicht das AMPP-eigene Audiomixing aus. Für anspruchsvollere Anforderungen soll der Truck mit einer Calrec-Lösung ausgestattet werden. Die Begründung liefert Johannes Lanyi, Solution Architect bei Grass Valley, beim spontanen Besuch im Truck: „Der Tonmeister wird keine Maus oder einen Touchscreen verwenden. Die haptische Bedienung ist hier nicht verhandelbar."
Skalierung: eine Frage der Compute-Generation
Aktuell ist der Visionmischer auf 32 Eingänge limitiert – eine Grenze, die der verfügbaren Rechenleistung der AMPP-Server geschuldet ist. Envall ist überzeugt, dass das kein Dauerzustand ist: „Ich bin ziemlich sicher, dass wir in naher Zukunft eine neue Servergeneration sehen werden, die 64 Eingänge oder mehr verarbeiten kann."
Langfristig denkt er an Trucks mit mehreren gestapelten Servern, die per Grid-Technologie als ein virtuelles System verbunden sind. Den Wandel, den dieses Fahrzeug verkörpert, ordnet Envall in einen größeren Kontext ein: „Die Broadcast-Industrie hat sich historisch langsamer als andere Sektoren von dedizierter Hardware gelöst. Das ändert sich gerade grundlegend – Broadcast folgt nun demselben Weg wie andere Branchen hin zu softwarebasierten Lösungen und serviceorientierter Infrastruktur. Aus dieser Perspektive ist der DMC-Production-Truck ein konkretes Beispiel für diesen Wandel."