Medieninfrastrukturen sollen flexibler werden, während ihre Modernisierung im laufenden Betrieb stattfinden muss. Zugleich verändern sich die Kostenmodelle, und mit der IT ziehen kürzere Update-Zyklen in die Produktion ein. Beim Auftakt des LOGIC Roadtrips am 2. November in München beschrieb Jens Gnad, wo LOGIC media solutions derzeit die größten Herausforderungen für Sender und Produktionshäuser sieht – und weshalb technische Änderungen auch eine andere Kostenplanung und veränderte Arbeitsabläufe verlangen.
Gnad ist seit knapp 25 Jahren in der Branche und erlebt die Zukunftsplanung derzeit als besonders unübersichtlich. Drei technische Umstellungen laufen gleichzeitig: von Hardware zu Software, von klassischen Systemarchitekturen zu cloud-nativen Ansätzen und von SDI zu IP. Hinzu kommt für ihn eine vierte, bislang unterschätzte Veränderung: Wer Produktionsfunktionen zunehmend nach Nutzung bezahlt, muss ihren Einsatz auch anders planen und finanzieren als eine einmalig kalkulierte Infrastruktur.
Die softwarebasierte Medienproduktion bildete auch den Rahmen der Veranstaltung. LOGIC und sieben Technologiepartner ordneten ihre Lösungen in eine gemeinsame Referenzarchitektur ein. Gnad erläuterte zum Auftakt, welche Voraussetzungen für den Betrieb solcher Infrastrukturen nötig sind.
Mehrere Umstellungen im laufenden Betrieb
Für Medienhäuser treffen die von Gnad beschriebenen Veränderungen beim Umbau ihrer bestehenden Infrastrukturen aufeinander. Während SMPTE ST 2110 bei der Planung der Signalverteilung mittlerweile selbstverständlich geprüft werde und auch SDI weiterhin seine Berechtigung habe, verändert der Übergang zu softwarebasierten Produktionssystemen die Art, wie Anwendungen bereitgestellt und betrieben werden. Diese Umstellungen müssen gelingen, ohne die laufende Produktion zu gefährden. „Wir wollen den Sender nicht anhalten und sagen, wir machen mal alles neu.“

Besonders weitreichend sind dabei die Folgen cloud-nativer Architekturen. Gnad beobachtet, dass Anwendungen zunehmend als Container bereitgestellt und Funktionen in Microservices aufgeteilt werden. Damit halten Konzepte aus der IT Einzug in die Medienproduktion, die eine bedarfsgerechte Bereitstellung von Ressourcen erlauben, zugleich aber neue Anforderungen an Betrieb, Fachwissen und Kostenplanung stellen.
Flexible Nutzung braucht eine andere Kalkulation
Wie stark sich der Betrieb verändern muss, zeigt sich für Gnad besonders an den Lizenzmodellen. Tokens, zeitbasierte Abrechnung und Kontingente an Compute-Einheiten folgen jeweils einer eigenen Logik. „Jeder Hersteller hat sich selber ein tolles Lizenzmodell ausgedacht“, kommentierte er die Vielfalt. Solche Modelle betreffen längst auch lokal betriebene Systeme. Für die Budgetierung wird damit entscheidend, welche Funktionen eine Produktion benötigt, wie lange sie laufen und welche Kapazität sie beanspruchen.
Hier sieht Gnad eine Lücke zwischen technischem Betrieb und Finanzplanung. Dass „der Betrieb das Wissen zurückspiegelt an die Finanzabteilung“, um daraus Budgets abzuleiten, praktizierten bislang nur wenige. FinOps, die gemeinsame Steuerung von Nutzung und Kosten, sei in der Broadcast-Branche noch kaum etabliert. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, eine Investition allein mit dem Erneuerungsbedarf zu begründen; erwartet werde häufig ein konkreter Return on Investment.

Ob sich nutzungsbasierte Modelle wirtschaftlich auszahlen, hängt auch davon ab, wie die Infrastruktur betrieben wird. Gnad veranschaulichte das mit einer Glühbirnen-Analogie: Die dauerhaft leuchtende Lampe steht für Produktionsressourcen, die unabhängig vom Bedarf durchlaufen. Der Lichtschalter entspricht dem gezielten Ein- und Ausschalten, der Dimmer der Anpassung der Kapazität an die jeweilige Produktion. Der Bewegungsmelder steht schließlich für eine Orchestrierung, die Ressourcen automatisch nach Bedarf bereitstellt und anschließend wieder freigibt. Gnad wirbt damit für einen anderen Umgang mit Produktionskapazität: Wer nach Nutzung bezahlt, muss steuern, wann und in welchem Umfang er Ressourcen beansprucht, um die möglichen Kostenvorteile auszuschöpfen.

Die IT verändert den Betriebsrhythmus
Mit der Nutzung allgemeiner IT-Infrastruktur kommen auch deren Sicherheitsanforderungen in die Medienproduktion. Einen Switch im Netzwerk über Jahre unverändert laufen zu lassen, lasse sich gegenüber der IT kaum noch vertreten, erläuterte Gnad. Gerade langfristig genutzte Anlagen müssen regelmäßig gepatcht und mit neuen Softwareständen betrieben werden. „Wir bestimmen den Takt nicht mehr“, sagte er über diese Entwicklung.
Daraus ergeben sich für ihn Anforderungen an die Betriebsorganisation: Infrastructure as Code, automatisierte Softwarebereitstellung über CI/CD-Pipelines und Sicherheitskonzepte wie Zero Trust müssen mitgedacht werden. Zugleich eröffnet die stete Weiterentwicklung auch Möglichkeiten, Produktionsfunktionen flexibel und bei Bedarf neu auszuwählen. Gnad skizzierte etwa eine Sportproduktion, die für die nächste Saison auf einen anderen softwarebasierten Videomischer wechseln könnte, wenn dieser besser zu ihren Spezifikationen und Kosten passt – eine Option, die es früher, in der klassischen Hardware-Welt, so nicht gab.
Standardsoftware verlangt veränderte Prozesse
Doch die Freiheit, Produktionsfunktionen auszutauschen und Infrastrukturen anzupassen, hat für Gnad auch Grenzen: Wer Standardsoftware nutzen will, kann nicht zugleich jeden vertrauten Arbeitsablauf zur Vorgabe machen. Aus eigener Erfahrung berichtete er, wie LOGIC sein ERP-System erneuerte und anschließend so lange anpasste, bis es möglichst wie das alte funktionierte. „Im Endeffekt war es natürlich dann schlechter“, räumte er ein. Durch die vielen Anpassungen war aus dem Standardprodukt eine individuelle Lösung geworden. Das lief gerade dem Ziel entgegen, von einer skalierbaren und langfristig weiterentwickelten Standardsoftware zu profitieren.

Ähnliche Erwartungen begegnen ihm in Kundenprojekten: Gewünscht ist eine standardisierte, langfristig weiterentwickelte Software, die zugleich die bisherigen Arbeitsabläufe unverändert abbilden soll. Gnad plädiert dafür, die Konsequenzen bewusster abzuwägen. „Ein Standardprodukt kaufen und die internen Prozesse anpassen“, beschrieb er den aus seiner Sicht notwendigen Schritt. Andernfalls entstehe erneut eine individuelle Lösung. Ebenso brauche es Strukturen, über die Anwender ihre Erfahrungen und benötigten Funktionen an die Entwicklung zurückmelden können: „DevOps ist eine Frage der Organisation.“
Für Gnad entscheidet sich der Nutzen flexibler Infrastrukturen deshalb auch im täglichen Betrieb: bei der Vergabe von Ressourcen, der Kostenkontrolle und der Anpassung von Arbeitsabläufen. Wie sich die technischen Bausteine dafür zusammenfügen, bleibt auch Thema der weiteren Roadtrip-Stationen: Am heutigen 3. November ist LOGIC beim MDR in Leipzig zu Gast, am 4. November bei RTL in Köln und am 5. November beim ZDF in Mainz.