
Die AGF Videoforschung hat ihre Jahresbilanz 2025 vorgelegt – und die erzählt eine Geschichte, die so gar nicht zum gängigen Narrativ vom sterbenden Fernsehen passt. Ja, die Deutschen schauen weniger linear fern als früher. Durchschnittlich 158 Minuten täglich, ein Minus von knapp acht Prozent. Ja, Streaming legt zu, um satte 21 Prozent. Und doch zeigt das Jahr 2025 vor allem eines: Wenn es wirklich zählt, schalten die Menschen den Fernseher ein.
Wahlen, Krisen, Päpste – das Fernsehen als Lagerfeuer der Nation
Die vorgezogene Bundestagswahl im Februar wurde zum Lackmustest für das lineare Fernsehen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Tagesschau am Wahlabend erreichte 11,1 Millionen Zuschauer. Das TV-Duell zwischen Scholz und Merz, zeitgleich auf vier Sendern ausgestrahlt, kam auf 12,9 Millionen. Und das „Quadrell“ auf RTL holte bei den 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von satten 47 Prozent.
Besonders aufschlussreich ist die Verteilung der Nutzung: Von 53,4 Millionen Menschen, die mit den Wahlsendungen in Kontakt kamen, schauten 53,1 Millionen linear. Die exklusive Streaming-Nutzung? Statistisches Rauschen.
Dieses Muster zog sich durch das ganze Jahr. Der Eklat beim Selenskyj-Besuch im Weißen Haus, der „Brennpunkt“ zum Nahost-Konflikt, der Tod von Papst Franziskus und die Wahl seines Nachfolgers – all diese Ereignisse erreichten zwischen vier und sieben Millionen Zuschauer im linearen Fernsehen. AGF-Chefin Kerstin Niederauer-Kopf bringt es auf den Punkt: Bei komplexen, aktuellen Ereignissen bleibe lineares TV „ein etablierter Referenzrahmen für Einordnung und Orientierung“.
Frauen-Fußball schlägt alles
Die reichweitenstärkste Sendung des Jahres war weder eine Nachrichtensendung noch ein Tatort. Es war das EM-Spiel der deutschen Frauen gegen Spanien am 23. Juli: 14,57 Millionen Zuschauer, 57 Prozent Marktanteil, bei den Jüngeren sogar 68 Prozent. Wohlgemerkt: 2025 gab es weder Olympia noch eine Männer-EM oder -WM. Dass ausgerechnet der Frauenfußball die Quotenkrone holt, dürfte so manche Programmplaner überrascht haben.

Der Tatort bewies derweil seine gewohnte Zuverlässigkeit. Die Folgen „Fiderallala“ und „Die Erfindung des Rades“ landeten mit über 12 Millionen Zuschauern auf den Plätzen zwei und drei.
Amazon betritt die Bühne
Die vielleicht wichtigste Nachricht für die Branche: Seit November 2025 werden die werbefinanzierten Inhalte von Amazon Prime Video von der AGF gemessen. Erstmals lässt sich ein globaler Streaming-Gigant direkt mit den deutschen Sendern vergleichen.
Die ersten Zahlen sind bemerkenswert. Obwohl Amazon nur zwei Monate im System ist, liegt der Dienst bei der täglichen Reichweite der 14- bis 49-Jährigen bereits auf Platz eins – vor ARD und RTL. Die Serie „Maxton Hall“ erwies sich als Zugpferd: Fünf Folgen der zweiten Staffel landeten in den Zensusdaten unter den Top 10 des Jahres.
Beim Gesamtnutzungsvolumen dominieren allerdings weiterhin die Öffentlich-Rechtlichen. Die ARD kommt auf 1,23 Milliarden Streaming-Stunden, der ZDF-Verbund auf gut eine Milliarde. Amazon liegt mit 269 Millionen Stunden auf Platz fünf – wobei hier nur zwei Monate in die Rechnung einfließen.

Streaming liebt Serien, Live bleibt linear
Welche Inhalte werden gestreamt, welche linear geschaut? Die Programmmarken-Analyse der AGF liefert klare Antworten. Die höchsten Streaming-Zahlen erzielen serielle Formate: „Sturm der Liebe“, der Tatort, „Rote Rosen“. Auch „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wird intensiv gestreamt – bei den Jüngeren sogar stärker als linear geschaut.
Eine Ausnahme bildet Live-Sport. Die Bundesliga bei DAZN kommt auf 50 Millionen Streaming-Stunden, die lineare Nutzung liegt bei nur 21 Millionen. Hier zeigt sich: Sport funktioniert auch ohne klassischen TV-Empfang – wenn das Angebot stimmt.
Das Fernsehen stirbt nicht, es verändert sich
Die AGF-Bilanz 2025 widerlegt die These vom baldigen Ende des Fernsehens. Was stirbt, ist die Vorstellung, dass alle zur gleichen Zeit das Gleiche schauen. Serien werden zunehmend zeitversetzt gestreamt. Doch bei Ereignissen, die eine gemeinsame Wahrnehmung erfordern – Wahlen, Krisen, große Sportereignisse – bleibt der Fernseher das Medium der Wahl.
Niederauer-Kopf weiß, dass die Messung mit dieser Entwicklung Schritt halten muss: „In einem Werkzeugkoffer gibt es eben auch mehr als nur einen Hammer oder Schraubenzieher.“ Für 2026 kündigt sie weitere Erweiterungen an. Die Fragmentierung des Marktes schreitet voran – und die AGF will das komplette Bild liefern.












